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 > Törring: Durchs bayerische Absurdistan31.07.2010 

Törring (mw). Ein Lob dem Festausschuss der Törringer Freiwilligen Feuerwehr, denn die Besucher haben einen "Polt"er-Abend der allerersten Güte im seit langem ausverkauften Törringer Festzelt erleben dürfen, einen Höhepunkt im Rahmen des Dorffests: Der Satiriker und Kabarettist Gerhard Polt, kongenialer Partner der Biermösl-Blosn seit drei Jahrzehnten, Vertreter der alten und feinen Schule und somit geistvoller Widerpart der sinnfreien neuen Generation der Comedians, nimmt sie auf geradezu perfide Weise in den verbalen Schwitzkasten, die sich zu VIPs stilisierende neureiche Schickeria auf dem exotisch-kulinarischen Erlebnistrip, die bajuwarischen Kraftlackel mit ihrer kaum kaschierten Ablehnung alles Fremden, die Biedermänner, Fernsehsüchtigen und aufgeblasenen Bildungsprotze mit ihren neudeutschen Anglizismen...

Chamäleonhaft schlüpft er in seine diversen Rollen, nur gestützt auf perfekte Mimik sowie die ihm eigene "verzinkte" Grammatik und Semantik spürt er den Großkopferten und falschen Fünfziger im bajuwarischen sozialen und geistigen Unterholz nach. Engstirnigkeit, Klatschsüchtigkeit und Egoismus gehören zu den unverrückbaren Charakteristika seiner Figuren "wia aus dem richtigen Leben". Sein tiefschwarzer Humor ist messerscharf, bricht unvermittelt und ohne Vorwarnung herein. Seine vermeintlich harmlosen, aber letztendlich mit vergifteten Pfeilen gespickten Plaudereien verkörpern höchste Sprachkunst. Seine Figuren entspringen dem sozialen Unterholz, seine Geschichten beginnen harmlos und doch feiern die niederen Instinkte seiner Protagonisten fröhliche Urständ`, wenn er nur allzu vertraute Stammtischparolen zu einem galligen satirischen Cocktail mischt. Wie im Fall des vermeintlich so humorlosen ausländischen "Zwetschgenmanderl", das es nicht zu goutieren vermag, wenn ihm ein Masskrug nur "leicht auf den Schädel aufg`setzt wird". Doppelsinnig verführt er zum Lachen, obwohl uns das doch eigentlich im Hals stecken bleiben müsste!

Da redet sich der Bürgermeister von Bad Hausen in seiner Begrüßung zum obligatorischen Heimatabend um Kopf und Kragen, wenn er von Ausflügen zur Führerspitze schwärmt oder den fiktiven Dorfgeistlichen ob der Tatsache scheinheilig bedauert, dass es "zurzeit a bisserl nass neigeht". Die Ortsheilige Algunda wird unter mysteriösen Umständen erschlagen und mutiert mit ihren Überresten zur "Abwrackprämie für den darniederliegenden Reliquienhandel", die Zweifel über einen Mozartbesuch in seiner Sta den - nach bekanntem Muster - einfach durch ein hochdotiertes Gutachten beseitigt und natürlich war Hermann Göring - angesichts seiner Zugehörigkeit zum Elferrat der Narahallgesellschaft bis vor kurzem - immer noch Ehrenbürger.

Herrlich auch die satirischen Seitenhiebe auf den Zahlenfetischismus und das superlativische Marketinggeschrei in Bad Hausen, das 3.400 Übernachtungen pro Höhenmeter zu verzeichnen hat und unter seinem neuen Leiter Josef Schwischaischick "mountain climbing", "fresh air snapping" und ein "Candle light dinner" mit Weißwurstspezialiäten kredenzt. Tiefschwarzer Humor bei einer in wohlbekanntem Fistel-Duktus vorgetragenen lateinisch-italienischen Predigt zum "complotto Belzebubica" im Kloster Ettal. Toi, toi, toi auf dem schweren Weg in den Höllens Immer ein Höhepunkt Poltscher Satirekunst der Trip von Frau Neureich zum "Benefiz-Lobster-Festival für Tiramisugeschädigte"! Nasaler Avantgardeton und der verachtungsvolle Blick in die Tiefen der sozialen Schichtung, wenn der Bürgermeister von "irgendoan Stamm" auf die Termitenravioli "speibt", wenn Heuschrecken "so groß wia a Dackel" und Carpaccio vom Koalabär serviert wird - natürlich alles mit der unvermeidlichen Pfefferminzsauce -, schieres Entsetzen, wenn der Tafelspitz vom Riesenwaran ausfällt, weil ein Zahnarztehepaar aus Rosenheim das letzte noch lebende Exemplar vor den enttäuschten Chaine de Rotisseur-Reisenden verspeist hat. Da hat man sich einmal im Leben auf etwas Ausgestorbenes gefreut und dann das!

Und schließlich der Trip zu den "maneaters" (den Menschenfressern): Nicht jedem schmeckts, aber der Vati hod g`sagt, "I hob`s hoid zoid". Immerhin sind die "boatpeople clean" und BSE-frei, aber die Engländer, die lässt man dann doch lieber laufen. Bis in den letzten Winkel der Absurditäten geht die Reise, wenn sich acht Metzger unter der Federführung vom "Adi" auf dem Oktoberfest das besagte Zwetschgenmanderl vornehmen - Gaudi muss nun mal sein - oder wenn beim Vereinsfest die Aktion gegen Drogen durch zehn Cent pro geleertem Schnapsglas unterstütz

Und dann der Trip in die Bildung und die Historie: Wie kann sich der Finne "an sich" seines Spitzenplatzes bei der Pisa-Studie rühmen, wenn er nicht einmal die Schlacht bei Ampfing kennt. Jeder Satz ein Treffer ins Schwarze, von den Politikern, die ihre "pekuniäre Diarrhöe" übers Land verbreiten, von den Bakterien, die in Münchener Krankenhäusern Orgien feiern und dem grünen Häuptling, der gleichzeitig das hohe Lied von der Artenvielfalt singt. "Neh-men wir an" - so die Poltsche Wortverdrehungsakrobatik, "wir haben in Bayern eine Landesbank mit einem Vier-Milliarden-Loch, aber das stimmt ja gar nicht, denn jedes Loch hat einen Rand!" Sprachmächtigkeit auch bei der heftig erklatschten Zugabe, in der lautstarken Philippika zum Kormoran: Überflugrechte ja, aber sonst auch schon nichts, denn es gilt dem üblichen Massaker an den Chiemseefischen Einhalt zu gebieten, und sollte er sich nicht an die Vereinbarung halten, dann "wird ab 5.45 Uhr zurückgeschossen!" Oder das abschließende Dramolette vom Hinterschwepfinger Berti, der bei einer nicht unbekannten deutschen Versicherung Karriere gemacht hat und mit nur 2,4 Promille unsanft dahingeschieden ist. Berti, der Trendsetter mit Charisma, der mit Noagerlzutzeln, dem Genuss von Ohrenwutzlern und Bieseln ein Vermögen erworben hat. Polt charakterisiert sie mit feinem Strich und deftiger Sprache, die fiesen Typen und deformierten Gestalten aus dem Alltagsleben - ein hinterkünftiger Spaß zum Lachen - und zum Nachdenken.


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